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Was ist Schamanismus?
Orientierung auf dem spirituellen Weg
Medien
Was ist Schamanimus
Immer wieder lese ich, Schamanismus sei eine Methode oder Technik. In unserer Zeit der
Methodenvielfalt und der Tatsache, dass SchamanInnen im Westen häufig in Häusern
und Städten praktizieren, mag das verständlich sein. Schamanismus existiert jedoch
seit mehreren zehntausend Jahren (1) und war keineswegs auf einige wenige bei uns bekannte
Aspekte wie Heilbehandlungen oder Schwitzhütten beschränkt. Für mich ist es
deshalb stimmiger, Schamanismus als den Weg oder die Lebensweise zu definieren, wie Menschen
immer wieder das Gleichgewicht herstellten zwischen sich, der Schöpfung und dem
großen Ganzen oder wie man es auch immer nennen möchte. Die Definiton, die mir momentan am besten gefällt
stammt von Don Oscar Miro-Quesada:
Schamanismus ist die Kunst, zwischen Mensch und Natur, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem ein Gleichgewicht herzustellen
und aufrecht zu erhalten. Im Herzen des Schamanismus ist Gleichgewicht; ohne Gleichgewicht kann Heilung nicht geschehen.
In der industralisierten Welt leben wir in einem starken Ungleichgewicht mit uns selbst und unseren Mitmenschen. Ein Mangel
an Gleichgewicht verursacht eine zunehmende Zerstörung an kultureller und biologischer Vielfalt genauso wie
körperliche und seelische Krankheiten.
In intakten Gesellschaften mit einer lebendigen Tradition wurde von Ältesten oder
Familienangehörigen oftmals vor oder nach der Geburt schon erkannt, ob ein Kind für den
schamanischen Weg vorgesehen war und wurde dann entsprechend ausgebildet. Barbara Tedlock
bezeichnet dies als "hereditären Schamanismus" (2). Als eine andere Variante nennt sie
den "Schamanismus der Inspiration". In Regionen wie Europa, wo alte Traditionen durch
verschiedene geschichtliche Entwicklungen größtenteils verloren gegangen sind,
ist dies eine Möglichkeit, theoretisches und praktisches Wissen direkt durch
Kommunikation mit der geistigen Welt zu erlangen.
Was sind schamanische Tätigkeiten?
Viele bei uns bekannte Berufe vereinten und vereinen Schamanen in einer Person (3). Sie
waren "Knocheneinrenker" (Orthopäden, Chiropraktiker), Herbalisten (Pflanzenheilkundige),
Hebammen, Medien, Geistheiler, Töpfer, Künstler, Berater in allgemeinen
Lebensfragen (u.a. Life Coaches), Masseure und vieles mehr. Ausbildungen dauerten oft ein
Leben lang (4).
Konkret bedeutete das, dass Schamanen z.B. bewusstseinsverändernde Pflanzen zu sich nahmen,
in anderen Welten reisten als die, die wir heute als unsere Hauptrealität bezeichnen
würden, um Informationen für die Gemeinschaft einzuholen und um Heilungsprozesse in
Gang zu setzen.
Sie versetzten sich in Trance, berührten die kranken Körperstellen und ließen sich
dabei während der gesamten Behandlung von den jeweiligen geistigen Helfern führen. Wenn
sie mit Pflanzen arbeiteten, verordneten sie Tees, Kräutertinkturen oder ähnliches.
Es wurden Rituale abgehalten, z.B. zur Versöhnung verärgerter Geister oder zur Verarbeitung
von Trauer beim Verlust geliebter Menschen. Wenn sich Wesenheiten verirrt oder einen
Menschen besetzt hatten, brachten sie diese an ihren ursprünglichen Ort oder holten
wiederum Seelenanteile zurück, wenn diese sich durch traumatische Erlebnisse entfernt
hatten. Insgesamt sorgten Schamanen für die Wiederherstellung von Harmonie und
Gleichgewicht.
Das schamanische Weltbild:
Wichtige Aspekte sind der grundsätzliche Glauben an die Beseeltheit von allem, was
existiert, an die Unsterblichkeit der Seele(n), an die Existenz von Geistern sowie an
verschiedene Welten bzw. Realitäten. Es wird davon ausgegangen, dass es ein oder
mehrere höhere Wesen/ Götter gibt und der Mensch in den Kosmos eingebettet ist
und deshalb eine Verantwortung für diesen mitträgt (5). So unterschiedlich die
kulturellen Traditionen von Schamanen weltweit sein mögen, diese Aspekte und viele
der oben genannten Ansätze sind gleich und ließen den Anthropologen Michael
Harner den Begriff des Kernschamanismus prägen. Seine Stiftung Foundation for Shamanic
Studies hat es sich zum Ziel gesetzt, schamanische Praxis wiederzubeleben und zu erhalten.
Denn zur Geschichte der Menschheit gehört auch immer wieder der Versuch, diese zu
unterdrücken, sei es, um Kolonialherrschaft inklusive des dazugehörigen
religiösen Glaubens aufzubauen, sei es, um ein politisches System zu schützen.
So wurde z. B. der sibirische Schamanismus in der Sowjetunion verboten.
Aber nichts kann je ganz ausgelöscht werden, wie Thích Nh?t H?nh betont.
Verbrennt man ein Blatt Papier, entsteht etwas Neues - nämlich Rauch. Und so kann seit
einiger Zeit eine neue Bewegung beobachtet werden hin zu einer Erinnerung an altes Wissen,
das im Einklang schwingt mit der Natur. Damit einher geht auch ein vermehrtes Interesse
an schamanischer Praxis.
Die aktuelle Situation:
So gibt es in Tuwa - einer der russischen Föderation angehörenden autonomen
Republik - momentan wieder 1400 registrierte Schamanen, und Schamanismus wird in der
Regel als Religion akzeptiert (6). Einige Schamanen aus der ganzen Welt werden von ihren
Gemeinschaften aufgefordert, ihr Wissen international zu verbreiten; es werden immer
wieder von verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen Treffen veranstaltet, damit
sich Schamanen treffen und netzwerken können. Seit 2004 trifft sich
regelmäßig ein Rat von 13 Großmüttern aus allen Kontinenten zum
Austausch und zu Heilungsritualen. Im Juli 2009 versammelte der Eskimo-Kalaallit-älteste
Angaangaq aufgrund einer alten Prophezeiung seines Stamms Menschen aus aller Welt in
Grönland zu einer großen Feuerzeremonie. Zum ersten Mal war es den Eskimos
aufgrund des Klimawandels möglich, Feuer mit Hilfe von Holz zu entfachen, was für
seine Gemeinschaft eine große Bedeutung hat. Nicht nur in Indianerreservaten in
Nordamerika und bei den neuseeländischen Maoris werden alte Traditionen wiederbelebt
und genutzt, um die Folgen des Verlusts derselben wie Orientierungslosigkeit,
Gewalttätigkeit und Drogenkonsum usw. bei jungen Menschen zu heilen. In diesen und zig
anderen Initiativen wird die Dynamik einer Bewegung erkennbar, die sich überall auf der
Welt formiert und auf einem neu-alten ganzheitlichen Bewusstein gründet.
Auch im Westen wird just dieses Wissen wiederbelebt und ans Licht geholt, scheinbar wie
"im letzten Moment" um die Wunden der vergangenen Jahrhunderte zu schließen, die
z.B. durch die Geschichte der Hexenverbrennung und des Missbrauchs esoterischer Praktiken
durch den Nationalsozialismus entstanden.
Schamanen im Westen:
In unserer Gesellschaft, in der religionsunabhängige Spiritualität weder einen
allgemein akzeptierten konkreten noch abstrakten Raum hat und Lebensläufe durch
individuelle Entscheidungen gestaltet werden, entscheiden Menschen sich von außen
gesehen scheinbar rein aus eigenem Antrieb dazu, den schamanischen Weg zu gehen. Allerdings
teilen Heiler immer wieder mit, dass besondere biografische Belastungen und Krisen sie dazu
bewogen haben, sich spirituell zu orientieren und ihre eigenen Erfahrungen ihnen zu
erhöhter Empathie mit ihren späteren Klienten geholfen haben. Häufig zeigt
sich, dass die vorhandene hohe Sensitivität vielfache Probleme im Alltag für den
oder die Betroffene mit sich bringt, solange sie ignoriert, unterdrückt und nicht
ausgebildet wird. Wird diese Veranlagung jedoch akzeptiert und sinnvoll gehandhabt,
können sich auch entsprechende Vorteile ergeben.
Es gibt viel Diskussion darum, ob man
sich "eine schamanische Ausbildung kaufen dürfe" oder genau umgekehrt "ob jemand, der sich rein
über Naturerleben und Kontakts mit den Spirits ausbildet, überhaupt etwas kann", sowie darüber, ob und wann sich
jemand wie genau bezeichnen darf. Ich denke, wir sind einfach aufgrund der unterbrochenen
Tradition in Europa zu besonders hoher Verantwortung in unserem doch häufig sehr isoliertem
Tun aufgerufen. Eine gute Ausbildung kann ethische Klarheit und sehr hilfreiche Grundkenntnisse
über das Ego etc. vermitteln. Alleine macht man eben die entsprechenden Erfahrungen - auch ein Weg.
Seit einer neuen Rechtsprechung 2004 dürfen Geistheiler ohne Heilpraktikerschein
offiziell arbeiten. Dies markierte einen Meilenstein in der gesellschaftlichen Anerkennung
der Tätigkeit. Immer mehr Menschen wenden sich auf ihrer Suche nach Heilung
alternativen Heilverfahren zu. Auch die Medien greifen das Thema immer häufiger auf.
In Großbritannien, in denen Klinikpatienten bereits das Recht haben, durch einen
Geistheiler begleitet zu werden, zeigen Untersuchungen, dass der Arzneimittelkonsum sank
und die Anzahl der Arztbesuche pro Kopf abnahm.
Dass wir momentan eine hochinteressante Zeitperiode durchleben, ist auch für
spirituell nicht interessierte Menschen ersichtlich. Die oben beschriebene Rückbesinnung
oder Neubewertung von Schamanismus trägt ihren Teil zu einer globalen Bewegung bei,
die eine lebenswertere Welt möglich macht.
(1) Mihály Hoppál: Schamanen und Schamanismus. Augsburg 1994, S. 13.
(2) Barbara Tedlock: Die Kunst der Schamanin. Heilen und Wissen als weibliche Tadition. Wuppertal 2007, S. 331.
(3) Ich verwende der Lesbarkeit halber die männliche Form, weise aber auf die Existenz von Schamaninnen zu jedem Zeitpunkt ausdrücklich hin.
(4) siehe hierzu ebenfalls: Barbara Tedlock: Die Kunst der Schamanin. Heilen und Wissen als weibliche Tadition. Wuppertal 2007.
(5) s. wikipedia-Eintrag zu Schamanismus.
(6) Schamanismus. Zeitschrift der Foundation of Shamanic Studies Europa - Nr.2/ 2012, S. 2.
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